Umweltpsychologische Gedanken zur wahrgenommenen Dramatik

Warum ein zweiter, wilder Wisent in Deutschland eher überleben wird

Am 13. September 2017 wurde ein Wisent-Bulle bei Lebus, einer Deutschen Ortschaft an der Oder, geschossen. Das Tier war offensichtlich von Polen über die Odergrenze nach Deutschland gekommen. Da die Wisente vor über 250 Jahren in Deutschland verschwanden, gelten sie als streng geschützt. Aus diesem Grund weisen Naturschutzorganisationen und polnische Einwohner darauf hin, dass der Wisent-Bulle nicht hätte sterben dürfen. Aus rechtlicher Sicht ist die Bestürzung über den Tod des Wisents nachvollziehbar. Bestehendes Recht wurde durch den Abschuss verletzt und dies sollte auch Folgen für die Entscheidungsträger haben.

Die Verantwortlichen haben bestimmt eine aus ihrer Sicht dramatische Situation vorgefunden und die Reaktionen der aufgebrachten Gegner helfen ihnen wahrscheinlich wenig, aus der Dramatik herauszufinden. Ein umweltpsychologischer Blick auf die Situation kann vielleicht helfen, den Verantwortlichen ihr Handeln zu erklären. Die gewonnene Einsicht könnte dann den Weg für eine Regelung künftiger Situationen erleichtern die auf verständnisvoller Unterstützung statt Schuldzuweisung aufbauen kann.

Der Wisent-Bulle war offensichtlich für die Verantwortlichen an einem unerwarteten Ort aufgetaucht und er war riesig. Sicher wirkte er auch bedrohlich, weil er nicht in einem soliden Gatter untergebracht war, sich nicht scheu verhielt und sich nicht zurückzog. Wisent-Bullen zeigen eher einmal in aller Ruhe ihre ganze Körpergrösse, wenn sie sich selbst bedroht fühlen, als dass sie sich rasch vom Menschen zurückziehen würden. Ausserdem werden Wisent-Bullen fast eine Tonne schwer. Wer also dem Wisent-Bullen bei Lobus begegnet ist, dürfte sich schutzlos vorgekommen sein – denn auch in einem Auto dürfte man sich nicht allzu sicher fühlen. Es ist also nachvollziehbar, dass man Angst bekommen kann, wenn man unvermittelt diesem grossen, unerwarteten Wisent begegnet.

Die Gegner warfen den Verantwortlichen unter anderem vor, nicht rational vorgegangen zu sein. Der Ordnungsamtsleiter wäre gar nicht zuständig gewesen, sondern das Umwelt- und Agrarministerium. Er hätte auch in Polen nachfragen können, wo der Wisent-Bulle liebevoll «Gozubr» genannt wurde. Der Wisent-Bulle hätte vermutlich gar keine Gefahr dargestellt. Das sind alles verständliche Reaktionen. Dennoch gibt es in der Psychologie eine Theorie, mit der erklärt werden könnte, warum die Verantwortlichen nicht mehr besonnen handeln konnten. Es handelt sich dabei um das «Emotionale Schlussfolgern»: Jemand schliesst von seinen Gefühlen auf Tatsachen. In unserem Beispiel hätte das folgendermassen aussehen können: «Ich fürchte mich vor dem Tier. Das bedeutet, dass es gefährlich ist.» Das Gefühl der Angst wurde ausgelöst, als man den Bullen völlig unerwartet vor sich sah. Die Angst liess die Annahme, dass der Bulle gefährlich war, als unverrückbare Tatsache erscheinen. Dennoch ist Angst nicht nützlich, wenn man die davon erzeugte Annahme bewerten will. Schliesslich kommt ja die Angst genau von der Annahme, dass ein Wisent gefährlich ist. Man dreht sich also im Kreis mit den eigenen Schlussfolgerungen und Gefühlen. In der Folge von emotionalen Schlussfolgerungen sind Menschen nicht mehr bereit, korrigierende Erfahrungen zu sammeln, welche die bisherigen Überzeugungen infrage stellen. Damit könnten wir umweltpsychologisch erklären, warum Abklärungen über die tatsächliche Gefahr des Bullen den Verantwortlichen nicht mehr möglich waren.

In der gegebenen Situation war also der Schluss, dass der Wisent gefährlich war und deshalb weg musste, psychologisch absolut nachvollziehbar. Es gilt aber noch einen weiteren Aspekt zu beachten: Der Ordnungsamtsleiter konnte sich nicht auf greifende Regelungen stützen. Es gibt keine Richtlinien zur Rückkehr des Wisents in Deutschland. Seit 250 Jahren war diese Person die erste, die in Deutschland mit einem wildlebenden Wisent konfrontiert wurde. Diese Situation ist kaum mit den freilebenden aber betreuten Wisenten im Rothaargebirge zu vergleichen. Schliesslich reisen Menschen zu diesen Wisenten hin, um vielleicht einem in der Natur zu begegnen. Trotzdem versuchten die Verantwortlichen bei Lobus zuerst einen Tierarzt zu finden, um das Tier zu betäuben und einzufangen. Es herrschte Zeitdruck, der Wisent war erst um 17:30 Uhr gemeldet worden und es liess sich kein Tierarzt finden. Man war also allein bei der Entscheidung, was es zu tun galt. In dieser Situation, in der rationales Denken den Verantwortlichen nur in einem engen Rahmen möglich war, kam es zu einer für den Wisent tödlichen Güterabwägung. Was ist im Deutschen Recht das höhere Gut, ein Menschen- oder ein Wisentleben?

Falls sich der Psychologie-Krimi um den Wisent-Bullen Gozubr derart abgespielt haben sollte, besteht immerhin ein Trost: Die Chancen sind besser, dass der nächste wildlebende Wisent Deutschlands eher überleben wird. Jetzt wissen schliesslich alle, dass sie am Oderufer auf einen Wisent treffen könnten. Sein Tod zeigt auch auf, wie unvorbereitet der erste Kontakt zwischen Wisent und Mensch in Deutschland verlief. Mit genügender Vorbereitung wäre es zu keiner emotionalen Schlussfolgerung bei den Verantwortlichen gekommen. Höchste Zeit also, für die betroffenen Regionen ihre Mitarbeiter auf den ruhigen Riesen vorzubereiten. Und hoffentlich ist in der Vorbereitung eine genügende Portion Psychologie enthalten. Denn unabhängig von Gozubrs Tod wirken die Wisente immer noch bedrohlich und je nach Situation sind sie auch tatsächlich gefährlich. Neben der emotionalen Schlussfolgerung gibt es etliche psychologische Fallen des Menschen, denen Wisente noch zum Opfer fallen könnten. Tragisch ist, dass Wisent und Verantwortliche bei Lobus in eine kurzfristig unlösbar erscheinende Dramatik verwickelt wurden. Der faszinierende und zugleich bedrohliche Wisent ist tot. Menschen kommen dafür vor Gericht. Dass Wisente irgendwann über die Oder nach Deutschland kommen würden, war absehbar. Hätten die Regionen die Verantwortlichen auf den Wisent gut vorbereitet, hätte sich das Drama nicht derart zuspitzen müssen.

 

Elisa Mosler

Fachstelle Umweltpsychologie

Wildtier Schweiz

 

Zum besseren Verständnis von und dem Umgang mit Emotionalen Schlussfolgerungen:

Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. 11. Auflage. Junfermann, Paderborn 2013, ISBN 978-3-87387-454-1.